Wie kann man gewaltfreie Kommunikation leben und erleben?

Wer gewaltfreie Kommunikation beherrscht, wird kaum in die Situation geraten, in der sich eine Konfrontation aus verbalen Angriffen, Rechtfertigungen und Verteidigungen ausweitet.

Aber wer kennt sie nicht, diese Situationen? Völlig daneben gegangene Interaktionen vollziehen sich oftmals gar nicht mit Vorsatz.

Tritt die wechselseitige Wertschätzung in den Hintergrund, besteht immer das Risiko, dass sich eine Kommunikation in eine unbeabsichtigte Richtung bewegt. Wäre es nicht viel angenehmer, wenn ab sofort keine Streitgespräche mehr das Leben vermiesen und stattdessen alle Beziehungen harmonisch verlaufen?

Positiv denken - Menschenkopf mit Daumen hoch

Achtsamkeit und positives Denken ist eine gute Grundvoraussetzung für Kommunikation ohne Gewalt

Mit gewaltfreier Kommunikation lässt sich dieser Wunsch in die Realität umsetzen. Dazu müssen allerdings alte Muster abgelegt werden, damit Platz für Neues entsteht. Kommunikation ohne Gewalt bezieht sich sowohl auf die Sprache als auch auf die innere Haltung. Achtsamkeit bildet dabei eine Grundvoraussetzung.

Die Methode „Gewaltfreie Kommunikation“ wurde von Marschall B. Rosenberg entwickelt

Der am 06.10.1934 in Canton, Ohio geborene Marschall Bertram Rosenberg promovierte als Psychologe an der University of Wisconsin-Madison. Im Jahre 1966 erfolgte die Ernennung zum offiziellen Prüfer in klinischer Psychologie.

Um seine Ideen für alle Interessierte zu erschließen, gründete Rosenberg 1984 das Center for Nonviolent Communication (NVC), auf deutsch Gewaltfreie Kommunikation (GFK), in Sherman, Texas. Das Projekt entsprang seiner jahrelangen Arbeit als Bürgerrechtler, bei der er sich insbesondere für die Überwindung der Rassentrennung einsetzte.

Als Mediator und Trainer zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit war Rosenberg auf internationaler Ebene tätig. Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation setzt sich aus einem 4-Schritte-Programm zusammen, das sich jeder, der mit sich selbst und mit anderen in ausgewogener Balance leben möchte, aneignen kann.

Rosenberg verstarb am 07.02., 2015 in Albuquerque, New Mexico, wo er viele Jahre lebte.

Glücklicher und zufriedener mit gewaltfreier Kommunikation

Jeden Tag verspüren wir ein Spektrum an Empfindungen, sowohl wohltuende als auch unerfreuliche. Während des Zusammenlebens mit anderen Menschen stoßen wir auf deren Emotionen.

Bei Ärger und Wut kommen meist nur zwei Strategien zur Anwendung: Rückzug und Herunterschlucken oder Verteidigung und Angriff. Bei diesen Verhaltensweisen geht leider mit der Zeit der Kontakt mit den eigenen Empfindungen und Bedürfnissen verloren. Ähnlich verhält es sich mit unseren Beziehungen, mit dem Ergebnis, dass Konflikte unausweichlich werden. Dabei ist jeder für seine Gefühle selbst verantwortlich, was gerne vergessen wird.

Es erweist sich eben viel einfacher, den Grund für den eigenen Missmut bei anderen Personen zu suchen. Die Kommunikation ohne Gewalt orientiert sich an Aufrichtigkeit, Einfühlungsvermögen und Verständnis, mit mehr Zufriedenheit und Freude als Resultat.

zwei Jugendliche auf einer Bank mit Kommunikation beschäftigt

Friedliche Kommunikation / Diskussion

Was ist Gewalt?

Bevor näher auf die repressionsfreie Kommunikation eingegangen wird, empfiehlt sich zunächst die genaue Definition von Gewalt.

Häufig wird Gewalt lediglich mit körperlichen Ausschreitungen in Verbindung gebracht. Bei dieser Interpretation äußerst sich die Gewalt bei den Leidtragenden mit körperlichem Schmerz. Gewalt fängt aber schon viel früher an. Jeder Versuch, andere Personen ohne Rücksicht auf deren Bedürfnisse für die eigenen Belange einzuspannen, fällt bereits unter Gewalt, speziell Handlungen, die sich auf die Mitmenschen beeinflussend oder gar schädigend auswirken.

„Gewalt“ geht auf das althochdeutsche Wort „waltan“ zurück, das „stark sein“ oder „beherrschen“ bedeutete. Demzufolge zählen nicht nur Gewalttaten unter den Überbegriff „Gewalt“, sondern auch Herrschaft, Macht, Willkür, Diktatur, Zwang, Härte, Nötigung, Autorität, Unterdrückung und Kontrolle.

Empathie als Schlüssel für liberale Kommunikation

Als Empathie wird die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in die Emotionen und Gedanken anderer Menschen hineinzufühlen, verstanden. Mit dem richtigen Maß an Anteilnahme, Verständnis, Empfindsamkeit und Hilfsbereitschaft sind tiefer gehende Beziehungen zu anderen Menschen möglich. Das bewusste Erkennen und Verstehen, weshalb sich Personen in gewissen Situationen ungewöhnlich verhalten, stößt im Normalfall auf Sympathie und Zuneigung.

kommunikation ist der richtige weg

Empathie kann sich aber unter Umständen auch nachteilig auswirken, wenn jemand nicht mehr „bei sich bleiben“ kann. Aus Mangel an Abgrenzung, existiert eventuell die Möglichkeit der Ausnutzung, wenn die eigenen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben.

Die Übernahme fremder Emotionen beeinflusst die eigene Gemütsverfassung ungünstig, wenn es sich um negative Gefühle, wie Angst, Trauer, Wut oder Ärger handelt. Empathie bezieht sich natürlich auch auf angenehm empfundene Gefühle. Die Freuden des Gegenübers teilen, hebt im Endeffekt die eigene Stimmung.

Empathie unterscheiden:

  1. Kognitive Empathie konzentriert sich auf das Verstehen, was in einer anderen Person vorgeht.
  2. Emotionale Empathie bedeutet, dasselbe zu fühlen wie eine andere Person.
  3. Soziale Empathie bildet die Basis für Teamfähigkeit, eine Fähigkeit, die im Berufsleben eine bedeutsame Rolle einnimmt.

Die Giraffe als Symbol eines gewaltfreien Miteinanders

Durch den langen Hals entsteht in den Blutgefäßen einer Giraffe in Herznähe ein immenser Druck, der ausgeglichen werden muss. Der Blutdruck beträgt in diesen Bereichen 280 zu 180 mm Hg. Damit ist gewährleistet, dass im Kopf noch ein arterieller Mitteldruck von 75 mm Hg zustande kommt. Kein anderes Säugetier verfügt über einen solchen hohen Blutdruck.

Zum Vergleich: Ein gesunder menschlicher Blutdruck liegt bei etwa 120/80 mm Hg. Damit das Blut bis in den Kopf und zu den Füßen gepumpt werden kann, braucht die Giraffe ein großes Herz. Das wiederum steht als Sinnbild für Menschen, die andere wertfrei akzeptieren und bei Bedarf uneigennützig unterstützen.

Die größten lebenden Landtiere (männliche Giraffen bis zu 6 m und Weibchen bis zu 4,5 m Körperhöhe) verfügen über einen exzellenten Weitblick. Menschen, denen dieses Charaktermerkmal zugesprochen wird, durchschauen die Zusammenhänge, schätzen Situationen richtig ein und können sich in andere einfühlen. Alle diese Eigenschaften begünstigen eine Kommunikation ohne Druck und Gewalt.

Der Wolf verkörpert eine Kommunikation, die Gewalt hervorruft

Anders als die Giraffe, die für Herzensgüte, Verantwortung, einen harmonisch verlaufenden Austausch und umsichtiges Agieren steht, präsentiert der Wolf genau das Gegenteil:

  • Vorwürfe statt klärende Gespräche
  • Schuldzuweisungen
  • den Gegner manipulieren
  • Forderungen stellen
  • um jeden Preis recht haben wollen
  • Opferrolle einnehmen
  • Urteile fällen
  • egoistische Denkweisen

Häufige Verständigung nach Art des Wolfes führt unweigerlich zu unnötigen Belastungen, Stress und womöglich zu Depressionen und sonstigen psychischen und körperlichen Erkrankungen. Während sich eine Kommunikation im Wolf-Modus aus Auslöser, Gedanken und Forderungen zusammensetzt, vollzieht sich die Giraffensprache in einem 4-Schritte-Programm.

In den sozialen Medien ohne Gewalt kommunizieren

Gewaltlose Kommunikation auch in sozialen Medien

Das Modell „Gewaltfreie Kommunikation“ im Detail

1. Wertfreies Beobachten

Zunächst erfolgt das aufmerksame Erfassen des gegenwärtigen Zustands. Das kann unter anderem sowohl eine Handlung als auch eine Unterlassung sein. Die präzise Beobachtung beschränkt sich auf die tatsächliche Wahrnehmung. Eigene Interpretationen sind hier fehl am Platz. Das Gleiche gilt für Verallgemeinerungen, weil sich sonst der Blick auf das Wesentliche verringert.

Alle Sinne, also nicht nur die Augen, auch die Ohren nehmen Eindrücke auf, um zu erfassen, was die Anwesenden gerade bewegt und welche eigenen Bedürfnisse in diesem Moment eine wichtige Rolle spielen. Die Schilderung dieser Anliegen im ruhigen Zustand darf keiner Deutung gleichkommen.

2. Gefühle wahrnehmen

Der zweite Schritt widmet sich den Emotionen, die aufgrund der Beobachtung ausgelöst wurden. Es gilt, die eigenen Gefühle in Worte zu fassen. Dabei muss strikt unter den selbst verspürten und den Gefühlen anderer Personen unterschieden werden. Schuldzuweisungen und Unterstellungen sollten ausbleiben, denn sie bringen sofort einen Abwehrmechanismus in Gang, den die gewaltlose Kommunikation im Grunde abwenden möchte.

3. Bedürfnisse herausfinden und benennen

Nun werden die Bedürfnisse vorgetragen, die mit den vorher erlebten Gefühlen in Verbindung stehen. Ein direkter Bezug auf Gesprächspartner wirkt sich hinderlich aus, denn niemand darf für die eigenen Gefühle verantwortlich gemacht werden. Auf eine direkte Anrede wird am besten komplett verzichtet. Bedürfnisse sind wichtig, denn sie definieren den Zustand eines Mangels, der automatisch einen Wunsch zur Abhilfe hervorruft.

4. Bedürfnisse in der Form einer Bitte äußern

Statt einer Forderung, besteht der vierte Schritt aus einer Bitte, die sich nach Möglichkeit auf eine Handlung im Hier und Jetzt bezieht. Die Gesprächspartner bekommen auf höfliche Weise mitgeteilt, was sie tun können, damit das eigene Bedürfnis in Erfüllung geht. Bitten verfügen über eine größere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg, wenn sie positiv formuliert sind, also immer sagen, was man gerne hätte, statt was man nicht will.

Rosenberg konkretisiert die 4 Schritte in einem einzigen Satz:

„Wenn ich a sehe, dann fühle ich mich b, weil ich c brauche.
Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“

Zitat aus: „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“ von Marshall B. Rosenberg, erschienen am 14.08.2001 im Jungfermann Verlag, Paderborn.

Gewaltfreie Interaktion dient der Konfliktvermeidung

Damit sich ein Konflikt anbahnen kann, bedarf es zumindest zwei Beteiligte. Für gewöhnlich sind Menschen involviert, die miteinander verbunden sind oder auf irgendeine Weise in Beziehung stehen.

Konflikte entwickeln sich aufgrund eines Themas oder einer bestimmten Sache. Grundsätzlich brechen bei beiden Parteien unangenehme Gefühle aus, weil gegensätzliche Bedürfnisse nicht erfüllt oder nicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können.

Die meisten Konflikte entstehen in der Familie, in der Schule, bei der Arbeit und zwischen Menschen und Gruppen mit unterschiedlichen Interessen, Weltanschauungen bzw. Religions- und Moralvorstellungen.

Bei einem Konflikt (lat. conflictus = Zusammenstoß, Aneinanderschlagen) treten Wut, Zorn und Angst als Antriebselemente in Erscheinung. Kochen die Gefühle extrem hoch, besteht eine große Aktionsbereitschaft. Entscheidungen unterliegen möglicherweise keiner logischen Denkweise mehr. Eine angemessene Urteilsbildung rückt ins Abseits, mit der Folge, dass es im schlimmsten Fall zu unkontrollierten Handlungen kommt, die später bitter bereut werden.

Gewaltlose Kommunikation bietet die ideale Grundlage für eine erfolgreiche Konfliktprävention. Ein nicht gelöster Konflikt geht stets mit Stress auf beiden Seiten einher. Seelischer Druck, der nicht sein müsste, wenn sich die Kommunikation auf eine klare Verständigung und respektvollen Umgang fokussieren würde.

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Externe Weblinks:

  1. Weiterbildung:
    Die Uni Trier bietet Fortbildungen zum Thema Gewaltfreie Interaktion / Kommunikation.